Usbekistan in der Schule – 
Neue Akzente im Erdkunde-Unterricht

Von Paul Lindner

Zunehmende virtuelle Wahrnehmung der Welt durch gesteigerten Computer-Konsum zulasten von Realbegegnungen sowie "Patchwork"-Lebensmuster ohne inneren Zusammenhalt und zeitliche Kontinuität müssen als Determinanten postmoderner Lebensweisen nicht nur von Jugendlichen berücksichtigt werden, wenn es um die Frage geht, warum das Thema "Usbekistan" bis heute so gut wie gar nicht im Erdkunde-Unterricht in Deutschland in Erscheinung getreten ist. Zwar ist das Interesse Jugendlicher an Informationen und Kontakten zu anderen Ländern sehr groß, bei genauerem Hinsehen findet für die Mehrheit diesbezüglich jedoch eine Selektion zugunsten weniger west- und südeuropäischer Staaten und Regionen sowie der USA statt. Das räumliche Vorstellungsvermögen und ein historisches Bewusstsein für darüber hinaus existierende Regionen der Welt wird ohne schulische Lenkung von Jugendlichen in selbständiger Weise kaum erweitert.

Auf diesem Hintergrund bietet das Land "Usbekistan" für den Erdkunde-Unterricht außerordentlich günstige Ansatzpunkte, einer rein materiell-kommerziellen Globalisierungsteilhabe eine Erziehung zur geistigen Globalisierung entgegenzusetzen. Solche Anhaltspunkte sind:

die spezielle landschaftliche Ausgestaltung des Landes einschließlich ökologischer Fragestellungen, die wirtschaftlichen Strukturen mit dem besonderen Akzent der Transformation der ererbten sozialistischen Strukturen und der Möglichkeit künftiger Perspektiven, die besonderen Bevölkerungsverhältnisse u.a. mit Fragen bezüglich des Bevölkerungswachstums und seiner Konsequenzen, der ethnischen Strukturen, der Wirksamkeit religiöser Gegebenheiten und des Problems des nation-buildings seit der Unabhängigkeit 1991,

die spezifische politisch-geographische Lage Usbekistans als land-locked country und der Möglichkeiten der Überwindung des fehlenden Küstenzugangs, die besondere Stadtgeographie Usbekistans auf dem Hintergrund der mehr als tausend Jahre währenden kulturellen und historischen Prägung, die touristischen Inwertsetzungmöglichkeiten.

Für das St.-Ursula-Gymnasium Brühl ergaben sich für den Erdkunde-Unterricht ganz konkrete Zugangsmöglichkeiten zu den verschiedenen Fragestellungen. Zweimalige mehrwöchige Aufenthalte des Verfassers in Usbekistan ließen Recherchen vor Ort zu, die über Interviews mit Vertretern verschiedener Behörden und Privatpersonen, über die Beschaffung statistischen und kartographischen Datenmaterials sowie über fotographische Dokumentation einen umfangreichen Informationsfundus ergaben. Ausgehend hiervon konnten die einzelnen Themen für den Erdkunde-Unterricht neu entwickelt werden, aber auch das traditionelle Thema der Aralsee-Problematik in wesentlich vertiefenderer Form aktualisiert werden als dies bisher der Fall war. Hinsichtlich des zuletzt genannten Themas, mit dem die Region Usbekistans bisher Bestandteil des Unterrichts war, läßt sich nun viel besser die gesamte strukturelle Problematik erkennen, die nicht nur im ökologischen Bereich liegt. Die Initiierung dieses global bedeutenden ökologisch-ökonomischen Prozesses stammt schließlich aus sowjetischer Zeit und unterlag somit v.a. exogenen Zielsetzungen und Entscheidungskompetenzen. Nach der Auflösung der Sowjetunion muß Usbekistan nun in eigener Regie ökologisch, ökonomisch und sozial ausgewogene Lösungen finden, ohne daß dabei weitere Problemfelder außer acht gelassen werden dürfen. Eine vergleichbare Unterstützung wie etwa beim Aufbau Ost innerhalb Deutschlands existiert dabei nicht. Einer derartigen Fortschreibung des traditionellen Usbekistan-Themas "Aral-See" stehen völlig neue Thematisierungen zur Seite. Beispielsweise rückt der Ressourcenreichtum Usbekistans v.a. im Brennstoffbereich und das damit verbundene Problem seiner Inwertsetzung in den Blickpunkt. Reiche Erdgasreserven auf dem Hintergrund einer noch relativ schwach ausgeprägten Binnennachfrage lassen für Usbekistan den Erdgasexport interessant werden. Problematische Faktoren beim Versuch erfolgreicher Marktbehauptung sind jedoch Faktoren wie die Konkurrenzanbieter Kasachstan und Turkmenistan, das aus der Sowjetzeit stammende Pipelinenetz, das Export nur im Transit durch andere Länder als die Nachbarstaaten erlaubt, die geringe Zahlungsfähigkeit der Nachbarstaaten bei tatsächlichem Export dorthin, die Lagenachteile wie fehlender Zugang zur Golfregion oder dem Kaspischen Meer sowie die Ferne der "energiehungrigen" Industriestaaten. Hinzu kommen Aspekte der Eigentums- und Explorationslizenzen bei derartigen strategischen Wirtschaftsgütern. Dies wiederum führt zu Fragen nach der Art und Weise, in der wirtschaftliche und soziale Entwicklung überhaupt betrieben werden soll. Dabei muß klar werden, dass westliche Rezepte nicht ohne weiteres auf Staaten der ehemaligen Sowjetunion übertragbar sind. Von daher kann den Schülern deutlich gemacht werden, dass Umstrukturierungen des gesamten Wirtschaftssystems langwierige Prozesse darstellen und positive Ergebnisse nicht von heute auf morgen erwartet werden können. Insgesamt bietet die unterrichtliche Behandlung Usbekistans die Chance, übertriebenes Anspruchsdenken der deutschen Jugendlichen zu relativieren, womit Verständnis für alternative Lebensumstände und –entwürfe entwickelt werden kann.

Eine derartige problemorientierte Beschäftigung eröffnet die Möglichkeit zur Erkenntnis der spezifischen Merkmale Usbekistans, die es von anderen Staaten unterscheidet. Eine mentale Repräsentation dieser Spezifika wiederum sichert eine langfristige Speicherung des Gelernten und damit entsprechende Wahrnehmung Usbekistans.

(Paul Lindner ist Studienrat am St.-Ursula-Gymnasium Brühl für Erdkunde und Musik.)