Besuch im Farghana-Tal

 

Von Prof. Dr. Annemarie Schimmel

 

Farghana – der Name klingt romantisch, und es war seit Jahren mein Wunsch gewesen, das Farghana-Tal zu besuchen. Dieses Jahr – Anfang Juni 2000 – wurde der Wunsch endlich erfüllt. Von Duschanbe auf dem herrlichen Weg über die noch schneebedeckten Pässe (3300 Meter) nach Chudschand am Sirdarya (früher Yaxartes) kommend, erreichte ich dank unserer Botschaften in beiden Hauptstädten Taschkent ohne Mühe. Am nächsten Morgen flogen wir – eine Gruppe der Konrad-Adenauer-Stiftung und ich – gen Osten nach Andidschan, wo ich einen Vortrag zu halten hatte. Worüber? Nun, natürlich über Babur, den Gründer des Reiches der Großmoguln, der 1484 hier geboren war – mein Buch über die Moguln war gerade erschienen. Die Begeisterung der Studenten des Sprachinstituts, von denen viele ausgezeichnet deutsch sprachen, war groß. Besonders entzückte es die jungen Leute, dass Professorin Fazila Suleymanova über das Erbe Baburs referierte – hatte doch ihr verstorbener Mann, Professor Hamid Suleymanov, 1970 das prächtig illustrierte Manuskript von Baburs Autobiographie, das im Britischen Museum aufbewahrt ist, in Faksimile herausgegeben.

Babur beherrschte die Stadt – ein Verehrer des Mogulherrschers hatte auf einem Hügel eine wohlgepflegte Gedenkstätte anlegen lassen, auf deren Gipfel (über breite Treppen oder eine Miniseilbahn mit bunten Kabinen zu erreichen) ein kleines Mausoleum stand, in dessen Sarkophag ein wenig Erde aus Agra, Delhi und Kabul lag. In Agra war Babur 1530 gestorben, und seine sterbliche Hülle war erst in Delhi, dann in seinem geliebten Kabul beigesetzt worden. Der Blick über die weite Ebene war schön; ein kleines Museum mit bunten, mogul-inspirierten Wandgemälden enthielt etliches Material über die Moguln und, besonders in-teressant, eine Probe der von Babur selbst erfundenen khatt-i baburi, einer eigenen Schriftart, in der er einen vollständigen Koran kopiert hatte.

Im Garten unseres großzügigen Gastgebers diskutierten wir bei dem unvermeidlichen Plow und echtem Münchner Bier (!) Projekte, wie man den Gründer der Moguldynastie bekannter machen könnte; denn er ist zweifellos eine der faszinierendsten Gestalten der Geschichte: väterlicherseits von Timur abstammend, mütterlicherseits von Dschingiskhan, als Zwölfjähriger Herrscher geworden, lange Jahre ein umherirrender Ritter ohne Land, seßhaft geworden in Kabul, bis er 1526 die Lodi-Herrscher von Delhi schlug und damit die Grundlagen des indischen Reiches des Großmoguln legte, das zu den glanzvollsten Reichen der Geschichte gehört; daneben ein scharfsichtiger Naturbeobachter, ein glänzender Autor in seiner chagatay-türkischen Muttersprache, in der er nicht nur seine höchst lebendige und humorvolle Autobiographie hinterließ, sondern auch Werke über islamische Theologie und türkische Metrik verfaßte. Es gibt noch genug Wege, sich diesem liebenswerten großen Sohn des Farghana-Tales zu nähern.

Babur Gedenkstätte (Foto A. Schimmel)

 

Aus Baburs Garten fuhren wir in die Provinz Farghana, wo, wie überall auf unserer Reise, ein Ehrenkomitee mit riesigen Gladiolensträußen wartete. Wir bewunderten die gewaltige Statue al-Farghanis, des Astronomen aus dem 9. Jahrhundert, der im europäischen Mittelalter als Alfraganus bekannt war. Nach einem weiteren Plow erreichten wir Marghinan, ebenfalls Heimat mittelalterlicher Gelehrter, von denen der 1197 verstorbene al-Marghinani durch sein nützliches juristisches Werk, al-Hidaya („Die Rechtleitung“), berühmt ist; es wurde jahrhundertelang benutzt. Interessanterweise erwähnt Babur, dass in seiner Heimat Andidschan die gleiche Sprache – chagatayisch – gesprochen wurde, die auch Ali Schir Nawa’i (Navoi) in seiner bahnbrechenden Dichtung verwendet hatte, während man in Marghinan Sartisch, eine iranische Sprache, gesprochen habe.

 

Abbinden der Kettfäden vor dem Färben (Foto: A. Schimmel)

 

Mich interessierten aber weniger Philologie und Jurisprudenz, sondern die Herstellung der bunten Ikats; denn Marghinan ist der einzige Ort in Usbekistan, in dem die schwierige Herstellung der bunten Seidengewebe noch handwerklich, nicht maschinell, geübt wird. Wir hatten das Glück, fast alle Stufen der Ikat-Herstellung zu sehen – die feinen Seidenfäden werden durch eine Art Gitter auf ein achteckiges Holzgestell mit mehreren Etagen gewickelt, wobei der Aufseher prüfen muss, ob auch alle Fäden heil sind, damit es nicht zu Fehlern in der Kette kommt. Die durch das Zusammenwickeln der feinen Fäden entstandenen dickeren Seidenbündel werden dann flach gespannt und von einem Meister markiert, der die künftigen Muster aufzeichnet (die alle besondere Namen haben); danach bindet ein anderer Handwerker das Material den Zeichnungen entsprechend ab, so dass es eingefärbt werden kann. Wenn das geschehen ist, kann das so gefärbte Material in großen Ballen über Webstühle gehängt werden, um dann als Kette eingespannt zu werden, und der Schlussfaden wird, mit zahllosen winzigen Knötchen verstärkt, eingeschossen. So erhält der Stoff mehr Festigkeit, und je nach der Farbe des Schlussfadens erscheint die Rückseite des Stoffes rötlich, bläulich oder hell. Ein junger Mann und ein paar fröhliche junge Mädchen bedienten die großen Webstühle. Die gefärbten großen Seidenbündel und die von ihnen ausgehenden bunten Fadenreihen, die überall in der Halle hingen, wirkten festlich – aber wenn man hört, dass ein Weber für einen Meter Stoff den Gegenwert von rund 25 Cents erhält, neigt man dazu, die bunte Pracht zu vergessen. Aber die jungen Mädchen lachten fröhlich bei ihrer schweren Arbeit – sie hatten Arbeit, und allein das war in einem Gebiet mit sehr hoher Arbeitslosenquote schon ein Grund zur Freude!

 

Obgleich man uns ein schönes Stück Ikat schenkte, konnten wir doch dem ach so verführerischen kleinen Laden nicht widerstehen und erstanden – zu wie uns schien allzu niedrigen Preisen – eine Reihe Schals aus hauchdünnem changierenden Material – nicht ohne dabei den dritten Plow des Tages zu essen ... Beglückt flogen wir nach Taschkent zurück, dankbar für die Gastfreundschaft und die Eindrücke von einem faszinierenden Teil Usbekistans.

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