Fortführung einer schönen
Tradition:
Schüler und Eltern des Beethoven-Gymnasiums Bonn
bei Familien in Taschkent und Buchara
Von
Dagmar Hermann
In den 14-tägigen Osterferien 2000 erwiderten 15 Schüler, 5 Usbekisch-Studenten der Bonner Uni, vier Mütter und ein Vater, die gern für ihre skifahrenden Kinder einsprangen, und ich den Besuch von 26 Usbeken aus Taschkent und Buchara im Januar dieses Jahres.
Zunächst reisten wir nach Taschkent, wo wir überaus liebenswürdig und herzlich begrüßt und untergebracht wurden. Unsere Jugendlichen waren bald Mittelpunkt größerer Gruppen, was sie sichtlich und nachhaltig genossen: wo immer wir waren – Taschkent war immer interessanter und attraktiver, und selbst in den Ferien gingen sie gern zur Schule, zum Treffpunkt.
Das klingt nun nicht nach einem anspruchsvollen Schüleraustausch mit hehren Zielen. Aber diese Jugendliche waren mit ihrer Unbekümmertheit und Freude sehr gute Botschafter ihrer Welt. Natürlich wurden uns die Sehenswürdigkeiten dieser im Bau befindlichen Metropole gezeigt, aber besonders interessant war die Porzellan-Manufaktur Ibragimov, wo Teekannen und Pialen unter Zuhilfenahme einer Schablone, die die weißen Stellen freihält, kobaltblau oder orangefarben gespritzt wurden. Dabei trugen die Arbeiterinnen keinerlei Schutz, was unsere Schüler sehr erstaunte.
Nach einigen Tagen mussten wir weiterfahren nach Buchara. Ein Bus war für uns angemietet von unseren Partnern, die in ihrem Land verantwortlich zeichneten, wie wir in Deutschland. Um 9 Uhr sollten wir an der Schule sein, um 10 Uhr kamen immer noch deutsche Schüler an mit ihren Partnern (die auf diese Weise wohl den Unterricht schwänzten: für Gäste muß man sich Zeit nehmen!) Irgendwann waren auch unsere usbekischen Begleiter, die stellvertretende Direktorin der Schule sowie eine weitere Kollegin mit ihren Kindern, eingetroffen, denn sie waren alle noch nicht in Buchara gewesen. So wirkte der Deutschland-Austausch, wie bereits hier in Bonn, auch in Usbekistan als Katalysator zwischen dem historischen Khanat von Taschkent und dem Emirat von Buchara. Der Bus kam auch an, weggefahren wurde aber nicht: Ob der Preis ein Problem war? – Unsere Bitten um Abfahrt blieben lange unberücksichtigt. Als wir endlich abgefahren waren und uns Stunden später Samarkand näherten, erfuhren wir, dass Samarkand nicht eingeplant war. Da unsere Begleiter sich dort aber auch nicht auskannten, hielt ich den Bus zunächst mal an Ulugbeks Sternwarte an, eingedenk der Tatsache, dass ihr Erbauer mit seinem astronomischen Handbuch Zig djadid Gurgani (Neue astronomische Tafel des Gurgan) in unserem Bonner Astronomen Argelander mit seiner „Bonner Durchmusterung“ ca. 400 Jahre später einen Nachfahren gefunden hatte, für den allerdings die Sternwarte vom Preußischen Staat erbaut wurde. Am Registan konnten wir natürlich auch nicht vorbeifahren, wo uns allerdings ein deutscher Teilnehmer viel Zeit kostete, die wir sinnvoller hätten nutzen können.

Blick
vom Minarett Khalan auf Buchara (Foto: C. Sachsse)
In Buchara kamen wir bei Einbruch der Dämmerung und der Kälte, gemischt mit einem kleinen Sandsturm, mit fünf Stunden Verspätung an. Trotzdem hatten unsere Gastgeber mit einer für Usbekistan so typischen Musikantengruppe dort ausgeharrt, ohne sich auch nur in ein Gebäude flüchten zu können. Wir waren sehr beschämt.
Am nächsten Tag berichteten die Schüler von herzlichen Familien, die sie überschüttet hätten mit möglichst allem, wobei die Verhältnisse denen in Taschkent auch nicht annähernd glichen. Der Abstand Hauptstadt – Provinz wurde uns sehr bewusst. Auch die Schule Nr. 4 war anders. Schienen uns in Taschkent die überdimensionierten weißen Haarschleifen typisch, so kamen in Buchara noch große weiße Schürzen zu den stewardessen-grünen Kleidern hinzu.

In
der Schule Nr. 4 (‚Deutsche Schule’) in Buchara (Foto: D. Hermann)
Der Rundgang durch die deutsche Schule war beeindruckend: viele Landkarten und Poster von Deutschland und Österreich, überall deutsche Konjugationen und Sprichwörter, Abbildungen von deutschen Dichtern und Denkern, dazu ein Schulmuseum. Es gab eine Aufführung mit vielen Tänzen und deutschen Liedern, so dass wir uns mit unserer Vogelhochzeit einordnen konnten.
Und die Stadt hatte eingeladen: ein Führer zeigte uns einen Tag lang die Stadt, vor allem die Handwerkerläden, und setzte uns ins Riesenrad, das sich unter unserer Last dann nicht mehr drehen wollte. Das Tollste für die Schülerinnen was das türkische Bad, „Durch das alte Gebäude, das keine Renovierung oder Restauration erkennen lässt, fühlt man sich in die Römerzeit zurückversetzt, in der man gemeinsam mit seinen Freundinnen herumalbern, sich entspannen und von alten, dicken Frauen massieren und verwöhnen lassen kann.“, soweit Florence Häneke, Klasse 8a. Zu unseren Ehren gab es ein abendfüllendes Gesangs- und Tanzprogramm mit modernen und traditionellen Darbietungen, gefolgt von einem Abendessen, nach dem die Erwachsenen dann nochmals zum Abendessen in ein Restaurant geführt wurden. Dort wollte uns der Vater einer der Buchara-Teilnehmerinnen seinen Dank ausdrücken und uns wissen lassen, wie viel seine gesamte Familie vom Deutschland-Besuch seiner Tochter profitiert habe. Noch am nächsten Tag überhäufte er uns mit Geschenken und organisierte einen Bus, einen Begleiter und das „Dokument“ zum Vorzeigen bei Polizeikontrollen auf unserer Weiterfahrt nach Chiwa.
Die Wüste und der Amu Darja waren Erlebnisse für uns alle – wobei wir erst in Chiwa den Sternenhimmel bestaunen konnten, der in der Wüste noch viel eindrucksvoller und von Leben erfüllter gewesen wäre.
Die abendliche Erkundung von Chiwa mit der Übernachtung in der Medrese und der nächstmorgendliche Besuch der historischen und religiösen Kostbarkeiten in dieser runden Stadt entschädigten uns ein wenig für unsere Versäumnisse in Samarkand. Der Flug zurück nach Taschkent was fast wie ein Nach-Hause-Kommen, wenn auch ein kurzes.
Für viele von uns war dieser Austausch ein Beginn: viele wollen wiederkommen – und tatsächlich haben beim Besuch der nächsten Usbeken-Gruppe im August / September dieses Jahres die meisten Oster-Reisenden wieder einen – unbekannten! - Gast aufgenommen. Das war meine schönste Belohnung.