Schüler der Bonner Liebfrauenschule in Taschkent – Berichte eines Austausches
Vom
4. Bis 14. Oktober 1999 waren Schüler der Jahrgangsstufe 13 des Bonner
Liebfrauengymnasiums im Rahmen eines Schüleraustausches in Usbekistan. Über
Ihre Eindrücke und Erfahrungen schreiben sie nun im Usbekistan-Info. Den vier
im Folgenden veröffentlichten Reiseberichten folgen im nächsten
Usbekistan-Info weitere Berichte.
Maria Elisabeth
Scholten:
Die Reise nach Usbekistan war für mich eine Fahrt ins Unbekannte, dementsprechend hatte ich keine bestimmten Erwartungen, sondern wollte mich überraschen lassen. Diese Überraschungen boten sich denn auch in vielfacher Hinsicht. Zunächst war ich verblüfft, in der Hauptstadt Taschkent so viele gepflegte Parkanlagen mit schönen großen Bäumen und riesigen Springbrunnen zu sehen. Diese gut in Stand gehaltenen Parkanlagen sind für Bewohner und Besucher gleichermaßen angenehm und vermitteln das Gefühl, sich in einer Oase aufzuhalten. Eine weitere sehr angenehme Überraschung waren die wunderbaren Früchte und Gemüse. Besonders Melonen und Feigen schmeckten derart köstlich, dass die Produkte, die man in Deutschland kaufen kann, dagegen nur verblassen.
Reichlich neue, faszinierende Eindrücke bot die Fahrt von Taschkent auf der Route der Seidenstraße zu den „Diamanten im Sand“ Samarkand, Buchara und Chiwa. Vorbei an riesigen Baumwollfeldern, einer abwechselnd kargen, wüstenähnlichen, dann wieder begrünten und bepflanzten Landschaft mit Bergen, die in der Ferne leicht dunstig erkennbar wurden, erreichten wir die genannten Städte, deren individuelle Schönheit und reiche Vergangenheit eine magische Anziehung auf die Besucher ausübt. Erwähnen will ich noch die Nachtfahrt im Bus von Buchara nach Chiwa, bei der wir einen wunderbaren Sternenhimmel bestaunen konnten – ein eindrucksvolles Bild!
Neue Facetten dieses weiten und abwechslungsreichen Landes erschlossen sich auf der Fahrt nach Nukus, der Hauptstadt der Provinz Karalpakistan, wobei mir die Überquerung des Amur Darja immer im Gedächtnis bleiben wird.
Wieder zurück in Taschkent machten wir von dort aus einen Tagesausflug ins Tschimgan Gebirge, das mit seiner reinen Luft und den herbstlich gefärbten Bäumen nochmals eine neue, reizvolle Seite Usbekistans offenbarte, und es verwundert nicht, dass es viele Taschkenter als Naherholungs- und Skigebiet nutzen.
Sicherlich könnte ich noch mehrere Seiten mit Eindrücken dieser Reise füllen, ganz zu schweigen von der wunderbaren Gastfreundschaft und der herzlichen Art der Menschen, was keinesfalls unerwähnt bleiben darf. Es war insgesamt ein unvergessliches Erlebnis!
Julia Lager:
Ein Bazar (pers. „Markt“) ist, laut Definition, das Markt- und Geschäftsviertel einer orientalischen Stadt mit Ladenzeilen entlang überdachter, überwölbter oder offener Gassen, mehrstöckiger Handelsgebäude mit großem Innenhof und überwölbter oder überkuppelter Stützhallen.
Wenn man sich diese Beschreibung und Definition durchliest, fehlt einem aber noch das Schönste und Wichtigste: das lebendige Bild eines Bazars, das bunte Treiben von Menschen aller Altersstufen und Nationalitäten, die ein- und verkaufen, um sich damit zum größten Teil ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für die Menschen in z.B. Usbekistan ist ein Bazar ein „ganz gewöhnlicher Markt“, wie für uns ein Kaufhaus, auf dem man nicht nur kaufen kann, sondern wo man auch schon mal eher zu einem Schwätzchen stehen bleibt, als bei uns in Deutschland. Aufgefallen sind mir vor allem die Ruhe und Gelassenheit der Usbeken sowohl auf der Seite der Verkäufer als auch auf der Seite der Käufer. Für die Menschen in Usbekistan ist ein Bazar ein richtiger Treffpunkt.
Es gibt die unterschiedlichsten Bazare. Am ersten Tag unseres Usbekistanaufenthalts haben wir einen Bazar besucht, auf dem ausschließlich Gewürze und Obst verkauft werden. Die Fläche dieses Bazars war größer als Markt- und Münsterplatz in Bonn zusammen. Um zum eigentlichen Teil des Bazars (ein überkuppelter Raum) zu gelangen, musste man sich erst mal durch eine endlos wirkende Straße von Melonenverkäufern arbeiten, die alle ihre Ware laut anpriesen und mit Kunden handelten. Auf dem Bazar darf man nicht einfach beim Erstbesten zum genannten Preis kaufen. Man sollte erst mal in Ruhe den Preis und die Qualität des Produktes bei verschiedenen Anbietern vergleichen und dann versuchen, den Preis weitmöglichst zu senken, d.h. zu handeln. Man nennt einen Preis, der relativ weit unter dem genannten Preis liegt (nicht zu weit, sonst verletzt man den Verkäufer) und auch noch unter dem Betrag liegt, den man dafür maximal ausgeben würde. Dann senkt der Verkäufer seine Preisvorstellung, während man seinen eigenen genannten Betrag immer weiter steigert. Man trifft sich dann in der „Mitte“ und besiegelt mit Handschlag das Geschäft. Ungeschriebenes Gesetz ist es, dass man, sollte man einen Preis genannt haben und der Verkäufer geht darauf ein, das Produkt auch kauft, denn sonst kränkt man den Verkäufer. Viele Verkäufer bieten einem auch etwas zu trinken an, unabhängig von einem Kauf, und man unterhält sich, wobei der Kauf auch schon mal in Vergessenheit geraten kann. Man sollte also nicht in Hetze über einen Bazar gehen, da einem sonst das Schönste verborgen bleibt. Allein das Zusehen der anderen Menschen beim Handeln, Kaufen und Probieren stellt ein äußerst in-teressantes und abwechslungsreiches Bild dar.
Doch zurück zum „Gewürzbazar“. Bevor man hier etwas kauft, muss man nicht nur den Preis, sondern auch die Qualität vergleichen, und wie kann man das besser tun als beim Probieren. So kam es, dass wir hier und da Sachen probierten, die wir vorher noch nicht gesehen hatten, geschweige denn gegessen, die aber unheimlich gut schmeckten und von denen wir heute immer noch nicht wissen, wie sie eigentlich heißen.
Hinter dem Gewürzbazar öffnete sich ein riesiger Platz, auf dem die verschiedensten Gerichte angeboten wurden, die zu einem kleinen Imbiss einluden. Gestärkt konnte man dann den Bazar besuchen, auf dem typisch usbekische Kleidung angeboten wurde, und man staunte nicht schlecht über die reichhaltige Auswahl an Stoffen, Farben und Gewändern. Auch als wir später andere Städte besichtigten, konnte man überall kleinere Bazare entdecken, auf denen die unterschiedlichsten Dinge angeboten wurden.
An einem unserer letzten Tage in Usbekistan besuchte ein Teil der Gruppe unter fachkundiger Führung einer Usbekin, die im Sommer auch Deutschland besuchte, den großen Markt von Taschkent. Dabei handelt es sich um ein riesiges Gebäude, in dem, angefangen von Schmuck über Kleidung, Schuhe und Haarspangen bis hin zu Zahnbürsten, einfach alles angeboten wird. Dieser Bazar war unheimlich schön und interessant, aber leider reichte unsere Zeit nicht aus, um ihn auszukundschaften. So fuhren wir, beladen mit großen und kleinen Gepäckstücken, zurück in die Stadt, und bald hieß es dann auch leider Abschied nehmen von Usbekistan.
Johannes
Kamp:
Die Reise nach Usbekistan war für mich der Einblick in die asiatische Kultur und die eines Schwellenlandes. Vor allem haben mich die Menschen beeindruckt. Sie waren sehr aufgeschlossen uns gegenüber, wollten viel über Deutschland erfahren und Freundschaften knüpfen. Die Unterbringung in den Familien hat mir die Umstände deutlich gemacht, unter denen sie leben. Sie waren außerordentlich gastfreundlich und haben mir gezeigt, dass man auch aus wenig viel machen kann. Vor allem aber hat mich die Motivation meines Austauschschülers beeindruckt, der mit 17 Jahren schon Deutsch und Wirtschaftswissenschaften studiert.
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Deutsche
Schüler und Eltern in Usbekistan (Foto: J. Kamp)
Auf der Reise zum Aralsee sind mir vor allem die Umstände aufgefallen, unter denen Landwirtschaft betrieben wird. Das ist wohl auch das größte Problem des Landes, da es durch die Bewässerung in der Wüste viel Wasser verbraucht, das es aus den Zuläuferflüssen des Aralsees ableitt. Dies hat jedoch die Folge, dass dieser immer weiter austrocknet, was für die dort lebende Bevölkerung ein großes Problem darstellt. Sie kann dort nur noch schwer überleben. Der ausgetrocknete Teil des Sees war für mich besonders erschreckend, da nur noch viele kleine Wasserlachen übrig sind und drumherum Wüste ist, die nur noch mit ein paar alten Schiffwracks an den See erinnern. Erschreckend war für mich jedoch, dass durch das Austrocknen des Sees auch das Leben und die Wirtschaft des Landes weitgehend zerstört werden, da ohne Wasser auch nichts angebaut und gefischt werden kann. Bei einem Gespräch mit einer Umweltorganisation stellte sich zwar heraus, dass durch bestimmt Projekte ein Teil des Sees in Zukunft vielleicht aufgefüllt werden könnte, jedoch ging aus einem Museumsbesuch in Nukus hervor, dass die Planung noch nicht ausreicht und der See immer noch schrumpft.
Wilfried Müller:
Usbekisch, eine moderne Volkssprache, aber auch Nachfolgerin der mitteltürkischen Literatursprache Tschaghataiisch (Alt-Usbekisch), zählt nach neuerer Klassifikation neben dem Uigurischen zur östlichen Gruppe der Turksprachen, zu deren südlichem und südwestlichem Zweig das Türkei-Türkische und das Azeri (Azerbeijani) gehören.
Die zentrale Gruppe der Turksprachen beinhaltet etwa das mit dem Kasachischen nahe verwandte Karalpakische, das in der Karalpakischen Autonomen Republik gesprochen wird, die am nordwestlichen Rand des Staatsgebietes von Usbekistan an der Küste des Aralsees liegt.
Mit dem Gesetz vom 21. Oktober 1989 wurde Usbekisch, das übrigens mit einer Sprecherzahl von über 20 Millionen nicht nur in Usbekistan gesprochen wird, Staatssprache Usbekistans. Das Schriftsystem soll bis zum September 2000 auf lateinische Buchstaben (31 an der Zahl und das multi-funktionale Apostroph `) umgestellt sein. Viele (usbekische) Sprachwissenschaftler stehen diesem neuen System offenkundig mit Skepsis gegenüber. Praktische Erwägungen (gängige Tastaturbelegungen, keine Sonderzeichen) sprechen aber auch dafür. Die folgende Passage aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mögen einen Eindruck vom Schriftbild vermitteln:
INSON HUQUQLARI UMUMJAHON DEKLARATCIYASI
1-modda
Barcha odamlar erkin, qadr-qimmat ba huquqlarda tang bo’lib tug’iladilar.
DIE ALLGEMEINE ERKLÄRUNG DER MENSCHENRECHTE
Artikel 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
Zeitungen und Zeitschriften zeigten zur Zeit unseres Besuches ihre Titel(-seite) in lateinischen Lettern, dann ging es kyrillisch weiter. Die Schilder der Hauptverkehrsstraßen und U-Bahn-Stationen Taschkents waren bereits ‚latinisiert‘, die vieler Nebenstraßen noch nicht.
Bis 1929 war Usbekisch mit arabisch-persischen Lettern geschrieben worden (Modifikation 1923), 1929 folgte das ‚lateinische Neun-Vokal-System‘, das 1935 verändert wurde und schließlich 1940 dem kyrillischen System wich, das – wiederum in den sechziger Jahren leicht modifiziert – bis zur jetzigen Übergangszeit der Schreibstandard war.
Einen ähnlichen Weg geht das Karalpakische (Qaraqalpaq tili). Das nahezu vollständig ‚lateinische‘ Schulbuch-Angebot für die Grund- und Mittelklassen in der zentralen Schulbuchhandlung der Hauptstadt Nukus zeigt deutlich die konsequente Haltung der staatlichen (Bildungs-)Institutionen.
Viele Menschen in Usbekistan sind zwei- oder mehrsprachig: eine gängige multi-linguale Kombination ist Usbekisch, Tadschikisch und Russisch. Das Tadschikische, mit deutlich ausgeprägten Zentren im Land und dem Persischen (Farsi) eng verwandt, ist die Primärsprache von mehr als 4% der Bevölkerung Usbekistans. Über einen längeren Zeitraum wird wohl dem Russischen die Rolle einer ‚lingua franca‘ und Wissenschaftssprache in der/den multi-ethnischen Gesellschaft(en) Usbekistans verbleiben.
Yaxshi boring! Auf Wiedersehen! (Wörtlich: Gehen Sie gut!)
Yaxshi qoling! Auf Wiedersehen! (Wörtlich: Bleiben Sie gut!)