Usbekistan – Land zwischen Orient und Okzident
Rezension eines Sonderheftes der Zeitschrift „Wostok“, Wostok Spezial 1/1999:
Von
C. Antonia Wilcke
Anfang des vergangenen Jahres erschien das ca. 80-seitige Heft als Spezialausgabe der Zeitschrift Wostok, die es sich getreu ihrem Motto zur Aufgabe gemacht hat, „Informationen aus dem Osten für den Westen“ bereitzustellen.
Mit Usbekistan stellt Wostok ein Land vor, das - zumindest was seine historischen Denkmäler betrifft – wohl als das touristisch reizvollste unter den mittelasiatischen GUS-Republiken bezeichnet werden kann.
Buchara, Samarkand und Chiwa – wer hat nicht schon einmal zumindest die Namen der alten Zentren an der Seidenstraße gehört? Doch was steht hinter diesen Namen, und was hat das Land im Herzen Mittelasiens außer den Zeugen seiner Vergangenheit noch zu bieten? Hierzu möchte Wostok Spezial eine erste und vielseitige Antwort geben.
In einem ausführlichen Abriß werden die bedeutendsten Epochen der wechselvollen Geschichte der Region vorgestellt; der Geschichte der Khanate Buchara, Chiwa und Kokand ist ein gesonderter Artikel gewidmet. Städtebeschreibungen kommen mit ihren Schilderungen des Altstadtlebens vornehmlich touristischen Interessen entgegen. Skizzierte Stadtpläne und Hinweise auf architektonische Denkmäler ergänzen die aus persönlicher Sicht geschriebenen Darstellungen und können hier bei einer ersten Orientierung im historischen Stadtkern hilfreich sein. Ein Eingehen auf das zeitgenössische Gesicht der Städte hätte den orientalisierenden Schilderungen allerdings keinen Abbruch getan, sondern – wie es schon der Untertitel des Heftes verspricht – einen Aspekt des reizvollen Miteinanders verschiedener Lebensstile, das zumindest für die größeren Städte charakteristisch ist, veranschaulicht. Immerhin findet man Hinweise darauf in Ansätzen und kommt mit der Auswahl und Wertung des Geschehens wohl auch dem Bild am nächsten, das Usbekistanreisende aus dem „Land zwischen Orient und Okzident“ mit nach Hause nehmen werden.
Nicht nur die Nachfahren der alten Zentren an der Seidenstraße werden von Wostok besucht, auch Gebiete jenseits der üblichen touristischen Pfade wollen die Schreiber der Leserschaft nahebringen. Bei der Schilderung des Gebiets um den gefährdeten Aralsee hätte man allerdings die Chance ergreifen sollen, noch eindringlicher auf die mit dem Schwinden des Binnenmeeres verbundenen ökologischen Probleme hinzuweisen.
Was das Heft von einem herkömmlichen Reiseführer unterscheidet, sind ausführlichere Exkurse und Abhandlungen zu Sitten, sozialem Brauchtum und volkstümlicher Kunst. Auf das Festbrauchtum, das in einigen Teilen des Landes besonders aufwendig gepflegt wird, sowie auf den Islam in der Region wird gesondert mit Bezug auf Geschichte und Gegenwart eingegangen. Interessante Ausführungen zu Varianten und ritueller Bedeutung von Kleidung und regionaler Küche runden die vielseitigen Informationen ab. Erfreulich, dass bei dieser Gelegenheit auch auf das in Usbekistan nicht unbedeutende Frauenbrauchtum eingegangen wird – der Lage der Frauen im heutigen Usbekistan ist übrigens ein eigener Beitrag gewidmet. An vielen Stellen wird der Vorteil des Heftes bemerkbar: Hier schreiben einheimische Autoren, was den Lesern die Möglichkeit gibt, sich mit dem Gedankengut der Menschen der Region aus „erster Hand“ bekannt zu machen. Fast alle Schreiber haben einen wissenschaftlichen Hintergrund – nicht alle sind usbekische Muttersprachler. Erklärt sich hieraus, dass sich bei der Wiedergabe usbekischer Namen und Begriffe hin und wieder Fehler eingeschlichen haben? (Der Titel der in westlichen Geschichtsdarstellungen nicht unumstrittenen nationalen Identifikationsfigur Amir Timur wird durchgängig als Amur Timaur wiedergegeben; der Name der Stadt Herat getreu aus dem Russischen als „Gerat“ übernommen, um nur die auffälligsten zu erwähnen.) Hier wäre eine nochmalige Überprüfung der Begriffe und Namen vonnöten gewesen.
Abschließend noch einige Bemerkungen zum formalen Aufbau des Heftes: Sehr hilfreich sind die farbig umrahmten Kurzzusammenfassungen, die das in den einzelnen Artikeln Gesagte noch einmal auf den Punkt bringen und so das Wichtigste übersichtlich und knapp präsentieren.
Ein Serviceteil vermittelt allgemein Wissenswertes für die Reise und liefert neben praktischen Tips und aktuellen Adressen die Aufzählung der wichtigsten in den historischen Städten zu besuchenden Baudenkmäler. Schade, dass die Seitenzahlen im für diesen Teil eigens erstellten Register nicht stimmen. Glücklicherweise fallen kleinere, vermeidbare Schnitzer im sprachlichen oder formalen Bereich neben der Vielfalt der Informationen, die das Heft aus einer „Perspektive von Innen“ bietet, nicht stärker ins Gewicht.
Das Themenheft, das sich offensichtlich vornehmlich an potentielle Reisende, aber auch an andere Usbekistan Interessierte richtet, wird dem Ziel, einen ersten Einblick in die kulturelle Vielfalt des facettenreichen Landes zu liefern, gerecht. Neben einem herkömmlichen Reiseführer oder ausführlicherem Werk zur Geschichte der Region ist das Heft als wertvolle Ergänzung zu empfehlen.
„Usbekistan. Land zwischen Orient und Okzident“ ISBN 3-932916-00-X
Preis: DM 12,00