Dagmar Hermann, Austausch auf der Seidenstraße (1996/97)
Neugierig gemacht durch die Freundschaft mit der Familie des ersten usbekischen Botschafters in Bonn besuchte ich Usbekistan und war fasziniert von der Fremdartigkeit des Landes und des dortigen Familienlebens, der Gastfreundschaft und Herzlichkeit, aber auch von der Umbruchstimmung. Als ich dann entscheiden sollte, ob eine Gruppe von 10 - 15 jährigen Tänzerinnen wohl einen Eindruck von dieser Wesensart vermitteln und Anklang in unserem Land finden würde, stand für mich, die ich immerhin ein Dutzend Austausche mit den USA durchgeführt hatte, gleich fest, daß dies eine neue Herausforderung war. Die Tänzerinnen waren anmutig und exotisch, und unsere aufnehmenden Schülerinnen und Eltern überaus lieb und herzlich. Aber die Verständigung war in mehrfacher Hinsicht schwer. So entstand der Gedanke, Oberstufenschüler auszutauschen, die sich auf Deutsch oder zumindest auf Englisch unterhalten könnten. Es erschien mir wichtig, einigen jungen Studenten der ersten Generation nach der Unabhängigkeitserklärung, in einer Zeit, die mich sehr an unsere Nachkriegsjahre mit dem Entnazifizierungsphänomen erinnerte, in unsere demokratische Lebensform einzuführen. Und wer konnte besser dabei helfen, als unsere gleichaltrigen Oberstufenschüler, die schlicht durch ihr Beispiel überzeugen würden. Natürlich schwebte mir auch vor, daß unsere Schüler ihrerseits profitieren sollten, z.B. durch simple Reflexion über ihr sorg- und zwangloses Leben, die Selbstverständlichkeit von eigenen Entscheidungen ohne Rücksicht auf Familie, Geschlecht und Religion, über die Leichtigkeit dieser Entscheidungen aufgrund festgefügter sozialer und politischer Normen, vielleicht sogar durch einen Gegenbesuch in Usbekistan. Doch die wenigsten usbekischen Studenten - denn mit 17 besucht man die Universität - konnten den Flugpreis aufbringen, immerhin fast $500 bei einem monatlichen Professorengehalt von $20. Aber die Großfamilienstruktur und das Prinzip der Orwellschen Gleichheit bescherten mir eine 19-köpfige, gemischte Besuchergruppe, die mit der hilfreichen Unterstützung der deutschen Botschaft in Taschkent als Überraschung am 2. Weihnachtstag 1996 in Frankfurt eintraf. Der neue usbekische Botschafter war beim Transfer nach Bonn behilflich; ansonsten war er eher erschreckt durch meine blauäugigen Bemühungen.
Den Beethoven-Schülern und Eltern bin ich sehr zu Dank verpflichtet, daß sie sich auch diesmal bereiterklärt haben, einen oder sogar zwei junge Usbeken aufzunehmen. Erwähnenswert ist dabei, daß die Oberstufler, bis auf eine Ausnahme, eher ihre Weihnachtsferien wollten als einen usbekischen Gast. Als Lehrer aber an Transfers gewöhnt, gelang es willige Klasse 10-Schüler zu finden, die zufälligerweise ältere Geschwister hatten. Das mehrwöchige Zusammenleben (mehrere Usbeken wohnten bei zwei Familien hintereinander, weil viele Familien über Weihnachten oder Sylvester nicht da waren, was unseren Gästen aber einen vielfältigeren Eindruck vom deutschen Leben und auch mehr Freunde brachte) war wohl allgemein positiv. Jedenfalls habe ich soviele Komplimente gehört wie nach bisher keinem England- oder USA-Austausch. Nun kamen die Usbeken natürlich auch aus sog. 'guten' Familien und besuchten die renommierte 'University for World Economy and Diplomacy'. Diesen angehenden Diplomaten, Juristen und Wirtschaftsleuten und ihren deutschen Partnern galt es nun Wesentliches zu zeigen: die freie Presse (General-Anzeiger und Deutsche Welle), die Arbeit im Wirtschaftsministerium, die Ippendorfer Diplomaten-Schule, Bundestag und Kammergericht, wir trafen die Bürgermeisterin im Alten Rathaus und besuchten das Haus der Geschichte, waren im Kanzleramt, bei der GMD und bei x Studienstiftungen, aber natürlich auch zum Rodeln, in Aachen und Köln und haben ausgiebig zusammen gekocht, gefeiert, diskutiert und gelacht
Der Gegenbesuch wurde zum Thema. Konkret erfolgten wieder unendliche vier Stunden verfrühte Telefonate, (- 007 Bond hatte nie Schwierigkeiten, bei mir kam meistens das Besetztzeichen-, denn noch heute gehen alle Telefonleitungen über Moskau) e-mails an die Uni, Faxe an den Taschkenter Bürgermeister, den Vater unserer Nodira. Das Problem war hierbei, daß einige Studenten im Wohnheim wohnten, andere allein in ihren neuen Wohnungen waren (die staatlichen wurden ja privatisiert) und nur einige bei ihren Familien. Die überraschend weggefallene Unterstützung meiner Botschafter-Freundin, deren Mann plötzlich als Botschafter für den nordamerikanischen Kontinent eingesprungen war, ließ das Wort 'maybe' zu einem Monster anwachsen. Dennoch, für DM 1.300 pro Teilnehmer (ein Einspringer für 1.000 DM Discount-Preis) kauften wir Fahrkarten und wechselten $1000 für Gruppen-Interna. Die Visa wurden zum Weltereignis. Wer Monate vorher eine Paßnummer hatte, bekam das Visum zwei Tage vor Abfahrt in der usbekischen Botschaft. Drei Personen bekamen ihren deutschen Paß später und, ermöglicht durch Tele-Kommunikation über drei Kontinente, ihre Visa am Frankfurter Flughafen, kostenlos!
Am 20. 3.97 waren wir dann zwölf Teilnehmer, mit Frau Pampus und Frau Dr. Buyken-Wilkitzki - eine Ärztin mitzunehmen ist ja solch eine Beruhigung-, mit unendlichem Gepäck, aber auch einer lieben Usbekin, die immer freundlich nickte, wenn der zweite 30 Kilo-Koffer auf die Waage kam. Die neue Boeing war fast leer und nach etwas mehr als sechs Stunden waren wir - im Fluge - in Taschkent, nachts. Aber alle, bis auf Rano aus Buchara, waren da. Am Morgen darauf waren die Deutschen bereits Ehrengäste bei der Frühlingsfeier, bei der immerhin, von uns aus zu sehen, der schon vieljährige Präsident zugegen war. Wir trafen uns dann täglich, bei mehr oder weniger eingehaltenen, meist gefundenen Treffpunkten, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt kennenzulernen. Der Zoo entsetzte alle Westler, der Bazar beflügelte sie zu gewagten Feilschereien. Diskret zugeschobenes Geld im Austausch gegen vorher übergebene Dollar machte kleinere Anschaffungen möglich, die z.B. Frau Pampus und ich, die wir allein wohnten, aber viermal in Taschkent umzogen, dringend brauchten. Nach ein paar Tagen bekamen wir Lehrer sogar einen Fahrer mit Lada, der nachts für ein Hotel und tagsüber für uns arbeitete, für weniger als ein Schüler-Nachilfestunden-Salär. Dafür schoben wir auch manchmal oder warteten vergebens. Hätten wir Russisch oder Türkisch gesprochen, hätten wir nur die Hand für ein Privat-Taxi heben müssen, aber auch Lehrer werden gelegentlich daran erinnert, daß Wissen Macht bedeutet. Die Schüler fühlten sich pudelwohl, machten, wie Till Weigl schreibt, 'angenehme Bekanntschaft mit dem usbekischen Nationalgericht Plow, einem Reisgericht mit Mohrrüben, Fleisch, Rosinen und erlesenen Gewürzen, das die Gastgeber ihren Gästen in der Regel in riesigen Portionen servieren', oder philosophierten wie Berhard Liese, bezüglich der Toilette in seinem Altstadt-Bau. 'Andere Länder, andere Sitten.' Austausche führen eben doch zu schnelleren Einsichten.. Till berichtet, wie er und David Goertz zum Plow-Essen anläßlich des Todestages von Babirs Großvater eingeladen waren: 'Wenn ein Usbeke oder eine Usbekin stirbt, ist es Tradition, 20 Tage und ein Jahr nach dem Ableben der betreffenden Person ein Plow-Essen zu veranstalten. Die ganze Nacht über werden in riesigen Kübeln ungeheure Mengen von Plow zubereitet. Je nach Stand, Wohlhabenheit und Bekanntschaftsgrad des Verstorbenen kommt eine dementsprechende Zahl von Gästen. Zu diesem Fest kamen 3.500 Menschen! Sie alle kommen gegen 6 Uhr morgens, wenn der Plow fertig zum Verzehr ist. Ein solches Fest ist ein unvergeßliches Erlebnis, besonders für Nicht-Usbeken, die keine solchen Traditionen gewohnt sind. So hängen zwei halbe Kühe über einem Billardtisch und zehn Männer schälen Massen über Massen an Karotten! Das ganze wird in heißen Kesseln gekocht, und angeblich verliert ein Koch bei jedem dritten Plow-Essen mindestens einen Finger! Doch bei diesem Fest ist so etwas zum Glück nicht passiert.'
Nach etwa einer Woche und keinem voraussehbarem Programm wurden die Erwachsenen
aber doch ungeduldig und drängten auf den Besuch in Samarkand und Buchara
(von Taschkent ähnlich weit entfernt wie Stuttgart und die Alpen von
Bonn). Die Organisation klappte dann mit viel Eigeninitiative: ein russischer
Deutsch-Student, der uns am Amir Timur Denkmal gebeten hatte, sich mit uns
unterhalten zu dürfen, leistete mir am Bus- und Zugbahnhof nach Stunden
eindringlichen Nachfragens Entscheidungshilfe. Über das Telefon von
Mamatkhans Schwester erreichten wir dann, was mein Telefon nicht schaffte,
das in unserem Reiseführer benannte Hotel in Samarkand. Nodira, die
die Gruppe nach Deutschland koordiniert hatte, und auch das Taschkenter Programm
gestalten wollte, hatte glücklicherweise einen Onkel in Buchara, der
uns Übernachtungsmöglichkeit in einem ehemals politischen
Ausbildungszentrum besorgte.
So trafen wir uns mittwochs recht früh am Busbahnhof. Jamschid und Mamatkan sollten uns begleiten, Shukhrat und Oybek entschieden sich, spontan und ohne Gepäck, dies auch zu tun. Ein Schnellbus, bis auf den letzten Stehplatz voll, beförderte uns in etwa sechs Stunden nach Samarkand, der Hauptstadt des grausamen Kunstfreundes Timur Lenk (Amir Timur). Pascal Grundmann hatte also genügend Zeit, sich über den Bus zu wundern und Catherina Clostermann, an namibische Busse gewöhnt, kicherte nur noch. Ich selbst verkümmerte langsam an der usbekisch-deutschen Raucherfront. Aber wir kamen sicher an, und das privatisierte Hotel hatte für die 'Erwachsenen' akzeptable Zimmer, zu usbekischen Preisen. Wir verzogen uns auf den Bazar und danach in ein typisch usbekisches Restaurant, in dem alle finanziell unbesorgt und unbegrenzt aßen und tranken. (In Chiwa dagegen lebt man von Brot, und auf dem Bazaar gibt es kein Mehl.) Wilkitzkis besuchten währenddessen ihre nach Samarkand umgesiedelten Verwandten, und unsere usbekischen Begleiter verhandelten unsere Weiterreise-Möglichkeiten. Auch das Besuchsprogramm für den folgenden Tag, Bus und Führer, galt es im Hotel zu buchen. No problem. Ob es an den einladenden Zimmern lag - jedenfalls fiel ein Schlüssel in den Aufzugs-Schacht und eine Hand ging durch eine Glastür, aber zu Westpreisen 'no problem', und welcher Lehrer kartet schon nach? Wäre ich tags darauf zum 1. oder 2. Mal in Samarkand gewesen, wäre ich äußerst frustriert gewesen: Während die Schüler die Prachtarchitektur des Registan bewunderten, tauschte ich die russisch-sprechende Führerin gegen eine englisch-sprechende ein und verhandelte länger als eine Stunde über den mir neu vorgelegten Programm-Preis. Nachdem ich schlichtweg gegangen war unter Zurücklassung des abgesprochenen Preises, aber u.U. nun ohne Bus, sank der Preis drastisch. Danach wühlte auch ich unter den abgeschlagenen Kacheln nach der Scherbe zum Mitnehmen. Die Moschee Bibi Hanim und ihre Geschichten schlugen alle in ihren Bann. Die Zahl der Stufen und ihre Höhe, die Vielfalt der ornamentalen Muster, ihre dort manchmal ungewöhnliche Farbgestaltung, winklige Gänge in und zu den Mausoleen der Gräberstadt Schah-e-Sende werden allen in bleibender Erinnerung sein, vielleicht sogar die aggressiven 'Zigeuner' und die 'Mafia'-Mercedes-Übergrößen.
Danach hatten wir unseren eigenen Bus, Privatinitiative und ein Novum in Usbekistan. Die immer gegenwärtige Polizei war so befremdet, daß sie uns auf dem Weg nach Buchara mehrfach zeitraubend anhielt. Der erstaunlichste Polizist befragte sehr streng unsere Begleiter, verlangte dann Papiere und verfiel nach dem Vorzeigen der Schülerliste in akzentfreies allerbestes und freundliches Deutsch. Nach der ersten Reifenpanne fuhren wir mit 7 Reifen. Wir trafen auf Nodiras Onkel und unseren Gast in Deutschland, Rano, die eine Tischdecke auf dem Boden ausbreitete und darauf ihr Pelemi-Essen servierte, da wir das Restaurantessen verpaßt hatten. Die Zimmer waren zunächst dunkel, entpuppten sich aber als sauber und anregend mit Kakerlaken. Aber die meisten Helden waren müde. Wieweit die kleinen Wasserflaschen daran Anteil hatten, sei dahingestellt. Jedenfalls gab es Frühstück im usbekischen Restaurant draußen, gegenüber der Zitadelle, dem 'Ark', auf Hochbänken sitz-liegend. Den Ark goutierten die Schüler weniger, Jamschids Übersetzungen und die kommunistische anti-Khan (König) Propaganda verloren den Wettkampf gegen das Feilschen mit dem Messer-Verkäufer. Leider war Buchara wie eine Baugrube: überall wurde für die 3000-Jahrfeier 'restoriert'. Aber das Samaniden-Mausoleum, das wichtigste Baudenkmal Zentralasiens, es beeindruckte jeden durch seine makellose Symmetrie, aber auch die unerklärliche Anordnung der Steine. Wir aßen Plow, speziell für uns im Garten, machten ausgedehnte Spaziergänge durch überkuppelte Innenstadt-Läden, bestaunten Minarett und Moschee Kalan und die Moscheen Mir-e Arab und Maghak-e Attari, wo wir heiliges Wasser hätten kosten können, sowie die Ulugbeks. Wir probierten Turbane und Buchara-Stickerei-Mäntel, bewunderten die Pfauen auf dem Portal der Medrese Nadir Diwan - Begi und die lebenden im Sommerpalast. Wir lernten Buchara-Teppichmuster unterscheiden und daß dort tadschikisch gesprochen wird. Der Einfluß des Islam wurde uns an einem heiligen Ort außerhalb von Buchara bewußt, wo uns u.a. ein religiöser Gelehrter auf Deutsch durch ein Museum führte, dann aber bat, keine Fragen zu stellen, weil er kein Deutsch könne.
Die Rückfahrt nach Taschkent dauerte ewige Nachtstunden. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt, die Rückfahrt wurde angedacht. Aber dann kamen Einladungen über Einladungen und der Besuch in der Universität und in der deutschen (60.) Schule, der Ausflug in den Schnee mit Skifahren und Reiten, die orientalisch akzentuierte Othello-Oper, der Besuch beim deutschen Botschafter Dr. Bindseil, das Kochen! Der Abschied am 13.3.97 war tränen- und geschenkereich. Mehrere hundert Mark waren fällig für Übergepäck
Aber Till schreibt von 'unvergeßlichen Dingen', von einem 'neuen Austausch' und 'Völkerverständigung'. Tatsächlich sind die Faxe und Besuche nicht abgebrochen. Renata war wieder hier, Frau Dr. Li kommt im November, Jasur ist inzwischen Rechtsanwalt, Nodira arbeitet als Juristin bei einer internationalen Bank, Jamschid hat ein Stipendium in Deutschland bekommen, Babir hat seine Hochzeit verschoben - Gedankenaustausch.
Zu danken haben wir den beteiligten BG- und anderen Eltern sowie der Schule, aber auch der Stiftung West-Östliche Begegnungen und der Stadt Bonn, die uns finanziell unterstützt haben bei einem unvergeßlichem, wenn auch modern angehauchten Märchen aus 1001 Nacht.