Radabenteuer Seidenstraße

14400 krn - In 120 Tagen von Deutschland nach Peking Von Michael Giefer

Wer gerät bei Namen wie Buchara, Samarkand und Seidenstraße nicht ins Träumen. Begriffe wie aus einem Märchen aus tausendundeiner Nacht. Heiße Wüsten, Hochgebirge, fremde Kulturen und Völker - der Orient, das Reich der Mitte. Es gibt wohl keine Straße auf der Erde, die für die Menschheit, für den Okzident und Orient, bedeutender war als die Seidenstraße. Wir, Sebastian, 19jähriger Abiturient aus Kempten, und ich, 25 Jahre und Student aus Bad Mün- stereifel, wollten diesen bedeutenden Handelsweg mit dem Rad "erfahren". 14.400 Kilometer, von Deutschland bis an den Rand der Weit, bis nach Peking.

Über Monate hinweg haben sich die Vorbereitungen hingezogen. Visa mussten beschafft werden, Kartenmaterial gefunden und ausgewertet werden und Literatur aufge- und durchstöbert werden, was sich für die zentralasiatischen Länder als nicht so einfach herausstellte.

Ein Höhepunkt auf unserer langen Reise ist Usbekistan mit seinen überragenden Städten. Aber bis dahin hatten wir über 7000 km zu bewältigen. 7000 km durch interessante Länder wie das arme Rumänien, die vom "Kurdenproblem" heimgesuchte Türkei, dem überaus gastfreundlichen Iran und der heißen Wüstenrepublik Turkmenistan.

Wer den Oxus, so hieß der Amu Darya in der Antike, beherrschte, der hatte die Gewalt über Zentralasien und die Seidenstraße. Schon Alexander der Große überquerte diesen Fluss, und auch wir stehen nun an seinen Ufern. Wir befinden uns allerdings im Gegensatz zu dem Makedonier auf einer friedlichen Expedition. Allein die Neugier auf das Unbekannte treibt uns über die wackelige, schwimmende Stahlplattenbrücke. Irgendwo dahinter verbirgt sich die Grenze zu Usbekistan. Unsere Taschen werden an der turkmenischen Grenze nur ober- flächlich durchgeschaut, und nachdem man uns an der usbekischen Grenze etwas länger aufhält als eigentlich nötig, öffnet sich auch für uns der Schlagbaum. Auf militärische und polizeiliche Willkür in solchen Staaten können wir nur mit Ruhe reagieren und den Prozess mit unseren Empfehlungsschreiben und diversen Visitenkarten versuchen zu beschleunigen.

Usbekistan erleben wir leider als äußerst monoton. Stundenlang fahren wir durch Baumwollplantagen, die Luft ist feucht-heiß, und bald alle fünf Kilometer stoßen wir auf Straßensperren. Es ist Ende August, und Usbekistans Unabhängigkeits- tag, der 1. September, steht kurz bevor, und das ist wohl auch der Grund der starken Militärpräsenz.

Mit Buchara steht der erste wirkliche Seidenstraßenhöhepunkt an. Die wunder- schöne Altstadt mit ihren bunten Moscheen, Medresen und Minaretten wurde vor ca. 600 Jahren vom usbekischen Nationalhelden und dem letzten großen Mongolenherrscher Timur und seinem Nachfolger Ulugh Beg erbaut. Tamerlan bzw. Tirnur Leng, was soviel bedeutet wie Timur der Lahme, verdankt seinen Namen einigen Pfeilverwundungen, unter denen er litt. Er war einerseits ein brutaler Tyrann, andererseits ein Förderer der schönen Künste, der Mathematik und der Astronomie. Bei Eis und Limo sitzen wir direkt gegenüber der Kalan Moschee und dem Kalan Minarett, von wo aus früher nicht nur die Gebetsrufe des Muezzin erschallten, sondern auch Todesschreie der Verurteilten, die von dem großen Minarett hinuntergestürzt wurden. Wir betrachten das bunte Treiben vor der in der Mittagssonne türkisblau schimmernden Moschee aus dem sicheren Schatten heraus. Es ist schon erstaunlich, zu welch widersprüchlichen Fähigkeiten der Mensch in der Lage ist. Einige Touristen werden von den kleinen Mädchen um- lagert, die ihre "antiken", mit bunten Stickereien reich verzierten usbekischen Kappen verkaufen wollen. Natürlich erliegen auch wir diesem aufdringlichen Charme der Kinder und kaufen einer 12jährigen einige ihrer Mützen ab. Das aufgeweckte und intelligente Mädchen erweist sich als ideale Stadtführerin, und so zeigt sie uns weitere Sehenswürdigkeiten.

Auf der sogenannten "königlichen Straße" führt uns die Seidenstraße vorbei an den eindrucksvollen Resten einer alten Karawanserei bis nach Samarkand, der Stadt aus tausendundeiner Nacht, die Stadt, die Tamerlan zu seiner Reichshauptstadt erhob. Leider ist der eindrucksvollste Platz, der Registan, mit seinen

Seidenstraße oder Schotterpiste? (Foto: Michael Giefer)

 

drei blaubunten Medresen wegen eines zur Feier des Unabhängigkeitstages stattfindenden Musikspektakels für uns gesperrt. Samarkand, das einst vielleicht das größte und älteste Kulturzentrum Zentralasiens war, ist im Vergleich zu Buchara wesentlich größer, und die grandiosen Bauten liegen weiter auseinan- der. Wie eindrucksvoll muss die Stadt im ausklingenden Mittelalter ausgesehen haben, als sie die Hauptstadt Turkestans war. Aufgrund eines Ministerbesuchs sind die Straßen abgesperrt, und bevor wir nicht mehr aus der Stadt heraus- kommen, lassen wir uns den Ausweg von einigen netten Jungen zeigen. Von einem Hügel aus schauen wir nochmals auf Samarkand zurück, der Stadt des Orients, wo die Märchen aus "tausendundeiner Nacht" ihren Anfang nahmen, einer 1)rehscheibe zwischen Ost und West, wichtiger Umschlagplatz für Waren aller Art.

Deutsche Radfahrer in Usbekistan - kein alltägliches Bild (Foto: Michael Giefer)

 

Wir wollen gerade unser Zelt aufschlagen, als zwei junge Usbeken auf uns zu- kommen und uns zu sich nach Hause einladen. Bei Brot, delikater Zwiebelsuppe und grünem Tee sitzen wir zusammen mit den männlichen Mitgliedern der reichen Bauernfamilie in einem mit bunten Polstern und noch bunteren Wandtüchern ausgestatteten Wohnraum und schauen uns ein Mekkavideo an. Zweimal schon war das Familienoberhaupt in der Pilgerstätte - von Armut keine Spur. Wir haben Glück, gerade von diesen netten Usbeken aufgenommen zu werden. Obwohl unsere Gastfamilie sehr wohlhabend ist, haben auch sie nur das übliche Plumpsklo. Ihr Hinterteil reinigen sie aber nicht, wie allgemein üblich, mit Wasser, sondern kurioserweise mit groben Steinen!! - Wir wollen und können das irgendwie nicht so richtig nachvollziehen. Zum Abschied bekommen wir noch zwei schwere Melonen geschenkt, und die beiden ältesten Söhne drehen vor den Augen der Dorfkinder stolz eine Runde mit unseren Rädern.

 

In der usbekischen Hauptstadt Taschkent, die uns überhaupt nicht reizt und bloß ein "Muss" ist, klären wir von der sehr hilfsbereiten deutschen Botschaft aus mit dem chinesischen Reisebüro CITS unseren Transfar vom Turugart-Pass in Kirgisistan nach Kashgar. Die Strecke vom Pass bis kurz vor Kashgar ist militärisches Sperrgebiet, und so müssen wir uns dort abholen lassen. Wir einigen uns auf den 10. September und haben somit ein fixes Datum, das wir unbedingt einhalten müssen, um nach China einreisen zu können.

Die deutsche Botschaft warnt uns vor tadschikischen Rebellen, die in Kirgisistan eingedrungen sind, mehrere japanische Geologen gekidnappt halten und allgemein für Unruhe sorgen. Immer wieder hören wir auf dem Weg zur kirgisischen Grenze, dass diese dicht sei, erhalten aber keine verlässlichen Angaben und setzen deshalb unsere geplante Reiseroute fort.

Hinter Angreen wird die Strasse wegen Bauarbeiten sehr schlecht. Ich verliere Fotostativ und Zeltstangen. Das Stativ finde ich nicht mehr wieder, und die Zeltstangen sind stark in Mitleidenschaft geraten, nachdem etliche LKW darüber hinweg gefahren sind.

Nachdem uns die schlechte Straße bis zum Pass begleitet, liegt uns das Ferghana Tal zu Füßen. Es geht lange bergab. Aber auch hier reiht sich ein Baumwollfeld an das andere. Nur durch künstliche Bewässerung wird diese von der Sowjetunion eingerichtete Monokultur am Leben erhalten und laugt den Boden völlig aus. Baumwolle, soweit das Auge reicht. Wir freuen uns auf das gebirgige Kirgisien.

Die Grenze nach Osch ist offen, obwohl uns die Grenzstation eher an einen Kriegsschauplatz erinnert als an einen offiziellen Grenzüberweg. Überall liegen Trümmer, und wieder einmal müssen unsere Räder zum Testen herhalten und wieder werden unsere Taschen durchsucht. An der kirgisischen Kontrollstation erhalten wir keinen Einreisestempel. Den müssen wir uns bei OVIR abholen. Wir fahren in die Stadt Osch, der Drehscheibe des Heroinschmuggels. Die Schlafmohnanbaugebiete dafür befinden sich in Afghanistan und im Norden Pakistans, wobei das Afghanistan der Taliban nach UNO-Aussagen die Anbaufläche für Opium 1999 verdreifacht hat, ein Erbe britischer Kolonialherrschaft und des Opiumkrieges gegen China. Nach Meinung der UN-Experten verläuft heute entlang der alten Seidenstraße die wichtigste Drogenroute der Welt. Mehr als die Hälfte des in Westeuropa verbrauchten Heroins stammt aus Afghanistan!

Wir erhalten den ersehnten Stempel für eine umgerechnete Gebühr von etwa einem US-Dollar bei OVIR, dem Büro für Visa- und Registrationsangelegenheiten und brechen in Richtung "Himmelsgebirge", dem Tian Shan, auf. Auf diesem Weg müssen wir noch einmal auf usbekisches Terrain. Unsere Bedenken, auf- grund unserer nur einmaligen Einreisevisa nicht durch die Kontrollen gelassen zu werden, erweisen sich zum Glück als unnötig. Zwar müssen unsere Räder wieder zum Probefahren herhalten, aber für unsere Reisepässe interessieren sich die Grenzsoldaten weniger. Ohne größere Probleme reisen wir ein zweites Mal nach Kirgisistan ein.

Zu Gast bei einer usbekischen Familie (Foto: Michael Giefer)

 

Zehn Tage und rund 1 1 00 km dauert unser Aufenthalt in Usbekistan. Für uns war es"nur" ein Durchreiseland, ein Land von vielen anderen auf unserer langen Radtour bis nach Peking. Trotzdem konnten wir uns einen guten Gesamtein- druck von dem noch recht jungen Staat und seinen Menschen machen. Ein Staat, der auf der schwierigen Suche nach seiner eigenen Identität ist und immer mehr versucht, sich von Russland zu lösen.

Neben Usbeken treffen wir auf viele Russen, Kirgisen, Kasachen, Turkmenen und andere Volksgruppen, die das Menschenbild in Usbekistan prägen. Der alte Geist der ehemaligen UDSSR ist nach wie vor spürbar, und es werden wohl noch einige Jahrzehnte vergehen, bis er ganz verschwunden sein wird.

Wir erlebten Zentralasien und speziell Usbekistan als eine Region mit verschiedenen Gesichtern. Auf der einen Seite waren da die Begegnungen mit den gastreundlichen Familien, die uns zu sich einluden, und dem gegenüber standen die ständigen Straßensperren. Sicherlich spielte der bevorstehende Unabhängigkeitstag dabei eine wichtige Rolle, was die Vorsichtsmaßnahmen betrafen. Trotzdem fühlten wir uns nicht so frei wie z.B. in Iran und China; Staaten, von denen wir mehr Kontrollen und Skepsis erwartet hatten. Gerade wegen der ge- mischten Gefühle, die wir während unserer Durchradelung hatten, und der ver- schiedenen Situationen, die wir erlebten, war Usbekistan ein besonderes Land auf unserer Expedition. Ein Land voller Gegensätze, mit unterschiedlichen Menschen und zwei herausragenden Städten.

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