Die
Geschichte Turkestans - Beginn einer internationa- len Fachdiskussion in
Taschkent voni 16. bis 18. Sep- ternber 1999.
Von
Prof. Dr. Dilororn Alirnowa, Institut für Geschichte der Akademie der
Wissenschaft der Republik Usbekistan, Taschkent
Im
ersten Viertel des XX. Jahrhunderts wurde Zentralasien zu einem Zentrum einer
politischen Erweckungsbewegung, zu einer Arena des historischen Kamp- fes für
Reformen, Erneuerung, Unabhängigkeit und Fortschritt. Die historische Analyse
der nationalen Befreiungsbewegung der Völker Zentralasiens in dieser Periode
ist ein aktuelles Thema der Fachwissenschaft nicht nur in Usbekistan, sondern,
wie man auf der Taschkenter Tagung feststellen konnte, auch ein Ob- jekt, dem
Historiker in Deutschland, Frankreich, Japan, den USA und England große
Aufmerksamkeit schenken.
Es
ist eine Tatsache, dass einheimische Historiker wie solche außerhalb Turke-
stans während der Sowjetzeit getrennt voneinander und in unterschiedlichen
Welten der Wissenschaft arbeiteten. Nachdem L)sbekistan seine Unabhängigkeit
erlangt hat, ist es nun an der Zeit, sich mit der historischen Wahrheit
auseinan- der zu setzen. Quellen, die früher ignoriert wurden, und
Archivmaterialien kön- nen nun dem wissenschaftlichen Diskurs zugeführt
werden. Forscher, Historiker, Literaturwissenschaftler und Journalisten haben
nun die Möglichkeit, sich ein klares Bild vom Kampf des usbekischen Volkes und
anderer Ethnien Turkestans zu machen. Ihr Streben nach dem Recht auf
Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Fortschritt neu zu analysieren.
In dieser Hinsicht
wurde in Usbekistan im Laufe von acht Jahren vieles geleistet: Es wurden Bücher,
Broschüren und wissenschaftliche Artikel veröffentlicht und Fernsehsendungen
sowie Filme hergestellt, die die Geschichte des Dschadidis- mus - der
national-progressiven Bewegung im Lande 'Turkestan muhtoriati" als einen
ersten Versuch des Aufbaus eines demokratischen Staates und des "istikloitschilik
harakati' (der Freiheitsbewegung, die aber in der Sowjetzeit Bas- matsch,
Eroberungsbewegung genannt wurde) beleuchten. Daraus ergab sich die Möglichkeit,
eine erste Bilanz zu ziehen. Der internationalen wissenschaftli- chen Fachwelt
konnte nun gezeigt werden, welches Gewicht die Historiker Us- bekistans der
Erforschung des Beginns ihres nationalen Staatswesens beimes- sen.
In
vielen Ländern wurde mittlerweile mit der wissenschaftlichen Erforschung dieser
Epoche begonnen. Die Mannigfaltigkeit der Problemanalysen und ihrer politischen
wie wissenschaftlichen Schlussfolgerungen ließen einen internationa- len
Gedankenaustausch sinnvoll erscheinen. Ebenso konnten methodologische
Erfahrungen verglichen und Zusammenarbeit vereinbart werden. Freundschaftli- che
Beziehungen konnten angeknüpft oder verstärkt werden. All diesen Zielen diente
eine Internationale Konferenz vom 16. bis 18. September 1999 in Tasch- kent. Sie
wurde ausgerichtet vom Institut für Geschichte der Akademie der Wis-
senschaften der Republik Usbekistan, vom Internationalen Zentrum für die Wei-
terbildung für Journalisten, dem Zentrum für die neue Geschichte Usbekistans,
der Akademie für Staats- und Gesellschaftsaufbau unter dem Präsidenten der
Republik Usbekistan, dem Staatskomitee für Wissenschaft und Technik der
Republik Usbekistan, der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem französischen
Institut für Zentralasiatische Forschungen. Das usbekische Ministerkabinett un-
terstützte das Vorhaben mit großer Sympathie und wies alle staatlichen Behör-
den, wo erforderlich, zur Mithilfe an.
Das
Thema "Zentralasien am Anfang des XX. Jahrhunderts: Streben nach Re-
formen und Frneuerung, nach Unabhängigkeit und Fortschritt" bot reichlich
Ge- legenheit, die zuvor erwähnten Ziele anzustreben, wenn nicht zu erreichen.
Auf der Plenarsitzung der Konferenz standen zunächst Vorträge über die
internatio- nale Bedeutung des Dschadidismus (Dschadid=Erneuerer), das Phänomen
des intellektuellen Aufbruchs in Zentralasien und die Wechselwirkung
progressiver Ideen und Bewegungen im Orient mit artverwandten Bewegungen im
Okzident im Mittelpunkt.
Auf
den folgenden Sitzungen wurden Vorträge über die Geschichte des Dscha-
didismus, des "turkestan muhtoriati" und "istikloitschilik
harakati" (des autonomen Landes Turkestan und der Freiheitsbewegung)
gehalten. Diese Art der Themen- aufbereitung war zum ersten Mal in einer
Konferenz zu hören. Die Vorträge riefen deswegen nicht nur großes Interesse
bei den Historikern, sondern auch die Aufmerksamkeit der breiten
wissenschaftlichen Öffentlichkeit Usbekistans hervor. Die Themen der Vorträge
waren sehr umfangreich. Das hat noch einmal bewiesen, dass der Dschadidismus
eine bedeutende Manifestation national- progressiver Bewegungen der Welt zu
Anfang des XX. Jahrhunderts war. Die geschichtlichen Ursprünge des Staatswesens
in Turkestan "Turkestan muhtoria- ti", in Kasachstan "Alasch Orda",
in Baschkirien und in anderen Teilen Zentral- asiens sowie die
Widerstandsbewegung (Istikloltschilik harakati), ihre Selbstbe-
hauptungsversuche gegenüber den sowjetischen Machthabern wurden als histo-
rische Prozesse betrachtet, deren Grundstein der Dschadidismus legte.
In den Vorträgen von
Professorin Dilorom Alimowa (Institut für Geschichte der Akademie der
Wissenschaften der Republik Usbekistan) zum Thema "Die gene- tische
Grundlage des intellektuellen und sozialen Protests und die Verschmel- zung der
philosophischen Ideen von West und Ost in der Weltanschauung der Dschadiden",
der Professorin Ingeborg Baldauf (Humboldt-Universität Berlin) zum Thema:
"Der zentralasiatische Dschadidisrnus im Rahmen der muslimi- schen
Reformbewegung am Vorabend des XX. Jahrhunderts" und von Professor Bakhodir
Nasarow vom Institut für Orientalistik in Taschkent zum Thema "intel-
lektuelle Verbindungen des Turkestanischen Dschadidismus mit der französi-
schen Regierung" wurde diese intellektuell-politische Bewegung im weltweit
historischen Kontext betrachtet und eine gemeinsame intellektuelle Basis der
progressiven Bewegungen in West und Ost sowie Verbindungslinien ihrer
Wechselbeziehungen und -wirkungen verfolgt.
Über
die internationalen Verbindungen der Dschadiden wurden spezielle Vorträ- ge von
Professor Atabaki aus Amsterdam zum Thema: "Die Transkaspischen
Verbindungen der Dschadiden" und von Dr. Turdiew, Taschkent, zum Thema:
"Internationale Verbindungen der Turkestanischen Dschadiden und die Politik
der herrschenden Mächte in den Jahren 1910-1930" gehalten.
Die Wissenschaftler
LJsbekistans, Europas und der USA, die an der Konferenz mit Vorträgen
teilgenommen hatten, waren einmütig der Meinung, dass die Be- deutung des
Dschadidismus als eine genuine und unverwechselbare Erschei- nung eingeschätzt
werden muss. Die Dschadiden hatten versucht, nicht nur die bestehende
konservative Ordnung in Turkestan, sondern auch die moralisch- kulturellen
Grundlagen und das Verhältnis zum Islam zu reformieren.
Zu
diesem Thema referierte Dr. Adeeb Khalid (Carlton College, USA), der seinen
Vortrag "[Die Idee des Fortschritts in der Weltanschauung der Dschadiden:
Ein neuer Blick auf die Welt" genannt hatte.
Von besonderem
Interesse für die Journalisten, die von dem usbekischen Iriter- nationalen
Zentrum für die Weiterbildung von Journalisten eingeladen worden waren, war die
Bedeutung der dschadidischen Presse und die Rolle der dscha- didischen Literatur
bei der Verwirklichung der Reformen in Turkestan. Hierzu war eingangs ein
beeindruckender, historischer Film über Mahmudho'ja Behbudy, dem Literaten und
Begründer einiger dschadidischer Zeitungen und Zeitschrif- ten, vorgeführt
worden.
Eine
seiner einflussreichsten Zeitschriften war 'Oina' (Der Spiegel). Behbudy wurde
auf der Flucht vor den sowjetischen Machthabern von Häschern des Emir von
Buchara aufgegriffen und 1919, im Alter von 44 Jahren, in der Provinzstadt
Karschi, im Süden Usbekistans, ermordet. Seine Grabstätte ist unbekannt.
In
ihrem grundlegenden Vortrag zum Thema: "Die Rolle der rnuslimischen Pres-
se in der Dschadidenbewegung Anfang des XX. Jahrhunderts in Zentralasien"
gab Professorin Chantal Lemercier-Quelqueiay (Hochschule für soziale For-
schungen, Paris) eine exakte Analyse der Tätigkeit der bedeutenden dschadidi-
schen Zeitungen und Zeitschriften.
Die
Literaturwissenschaftler Prof. B. Kasimow, Prof. N. Karimow, Dr. Sch. Risa- jew
und Dr. S. Ahmedow aus Taschkent wiesen dann in ihren Vorträgen auf die starke
intellektuelle Wirkung der progressiven Literatur auf die Bevölkerung
Zentralasiens hin.
Andere
Themenkreise der Konferenz berührten nicht minder wichtige Details der
Geschichte der national-demokratischen Bewegungen in Buchara und Choresm Anfang
des XX. Jahrhunderts. Hier wurden die Probleme der Perioden unter- schiedlicher
Widerstandsbewegungen gegen die Sowjetmacht von N. Radscha- bow sowie der
Unterschied der national-progressiven Bewegungen in Buchara und Choresm von der
Turkestanischen von Prof. F. Kasimow behandelt.
Im
dritten Themenkreis gingen der italienische Wissenschaftler Prof. Marco But-
tino von der Universität Turin, die usbekischen Wissenschaftler Prof. R.
Abdulla- jew, Frau Dr. D. Sijajewa, Prof. S. Agsamhodschajew sowie die
Professorin D. Kiselewa aus Russland auf den Versuch der Dschadiden ein, ein
nationales Staatswesen zu gründen und auf den erfolglosen nationalen
Befreiungskampf der Völker Zentralasiens.
Erörtert
wurden auch die Programme der Dschadiden für den Staatsaufbau, das Verhältnis
der Bevölkerung zu ihnen sowie ihre Absicht, verschiedene politische Parteien
und Bewegungen zu schaffen. Der Verlauf des Kampfes um die politi- sche
Autonomie im Lande in den Jahren 1917-1918 sowie das Scheitern dieser Ideen am
totalitären Druck des Bolschewismus waren, wie erwähnt, wichtige Themen der Erörterung.
All
diese Fragen wurden mit großer Lebhaftigkeit diskutiert. Die unterschiedliche
Beurteilung der Wissenschaftler in der Einschätzung der einzelnen Details der
Bewegung, in der Interpretation einiger Quellen und Archivmaterialien trennte
nicht, im Gegenteil, es förderte das gegenseitige Verständnis. Die Teilnehmer
waren sich einig in der objektiven Einschätzung, dass diese Bewegungen und der
damit verbundene Prozess für das Wachstum des nationalen Selbstbe- wusstseins
der Völker Zentralasiens von großem politischen und intellektuellen Nutzen
gewesen sei.
Die Konferenzteilnehmer
gaben mit großer Genugtuung, ja fast Begeisterung zu verstehen, dass sie das
Ende des vieljährigen 'Eisernen Vorhangs' zwischen den Wissenschaftlern der
Ex-Sowjetländer mit der übrigen Welt begrüßten. Dar- unter hatten auch
Usbekistan und die Wissenschaftler der europäischen Länder, der USA, der Türkei
und Japans, wo das Thema der Dschadiden im Mittelpunkt vieler Forschungsarbeiten
gestanden hatte, sehr gelitten.
Nun können Historiker
und Literatur- und Politikwissenschaftler die Resultate ihrer Forschungen
austauschen und eine gute Zusammenarbeit pflegen.
Ein
wichtiges Ergebnis der fruchtbaren Arbeit dieser Konferenz ist das Dokument über
die Gründung eines internationalen wissenschaftlichen Rates, der aus den
Vertretern aller Teilnehmerländer der Konferenz bestehen soll. Dieser
internatio- nale Rat ist dazu berufen, die Arbeit der Wissenschaftler zu
koordinieren, die sich mit den Themen der Konferenz befassen. Der
wissenschaftliche Rat soll auch die Möglichkeit eines nächsten Treffens
eruieren. Auf diese Weise war die Konferenz ein wichtiger, erster Schritt zur
internationa- len Zusammenarbeit der Wissenschaftler Zentralasiens, der USA,
Furopas und Asiens zur Konsolidierung ihrer wissenschaftlichen
Forschungsarbeiten und zur Vereinigung im Geiste der Freundschaft.
Die Akademie für
Staats- und Gesellschaftsaufbau unter dem Präsidenten der Republik Usbekistan,
Hausherr der Veranstaltung, hatte aus Anlass der Konfe- renz Porträts der
bekanntesten Dschadiden nach alten Vorlagen anfertigen las- sen. Sie wurden im
Rahmen einer Ausstellung, wozu von Dr. Turdijew auch kostbare alte Dokumente wie
Fotos, Zeitungen und Broschüren, beigesteuert wurden, erstmals der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht. Damit wurde in ein- drucksvoller Weise eine Möglichkeit
geschaffen, über die Sehnsucht der zentral- asiatischen Völker nach Freiheit,
Selbstbestimmung und Demokratie nachzu- denken und zu diskutieren.
Dem Internationalen
Zentrum für die Weiterbildung von Journalisten in Usbeki- stan sowie der
Konrad-Adenauer-Stiftung sei hier nochmals gedankt. Ohne ihre konzeptionelle und
organisatorische Hilfe wäre diese erste Konferenz mit inter- nationaler
Beteiligung nicht so schnell zustande gekommen.