Märchen aus 1001 Nacht?

2. Schüleraustausch des Beethoven-Gymnasiums mit der Universität für Weltwirtschaft und Diplomatie in Taschkent in den Herbstferien

"Bernhard, Du bist ab jetzt unser deutscher Adoptivsohn und darum kleiden wir Dich mit diesem Mantel und dieser 'dupe' (der usbekischen Kopfbedeckung). Trinken wir auf unseren neuen Sohn, der uns immer willkommen ist."

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Bernhard weiß nicht, wie ihm geschieht. Aber der blau-lila samtene gefütterte Mantel steht ihm gut. Auf der langen Tafel, an der 28 Personen Platz finden, sind zwei gegarte Schafsköpfe, zu Bernhards Ehren und der seiner 17 deutschen und 8 usbekischen Begleiter; zwei riesige Puten scheinen noch ihre Hälse zu recken und Suppen, Pilav, Salate, Tomaten und Gurken und süße Trauben, Melonen und Granatäpfel-Spalten füllen die breite Tafel vollständig. Berhard ist in Karshi, im zentralasiatischen Usbekistan, bei seinem "Bruder" Furkat, der zuvor bei seiner Familie in Bonn gewohnt hat.

Im Rahmen des zweiten Austausches des Beethoven-Gymnasiums erwiderte eine Schüler-Eltern Gruppe in den Herbstferien den Besuch von 19 usbekischen Studenten und Dozenten im August d. J. Hier sieht man sie auf dem Registan in Samarkand.

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Sie wohnten in den Familien ihrer usbekischen Partner, die alle an der Universität für Weltwirtschaft und Diplomatie in Taschkent studieren oder lehren. Neben dem Besuchs- und Diskussionsprogramm an der Universität und dem ihr angegliederten Gymnasium und der Teilnahme an mannigfachen Familienfeiern, z. B. einer Hochzeit,

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bei denen man den deutschen Gästen sehr aufgeschlossen gegenübertrat und durch wohlformulierte und gezielte Fragen sein Interesse an Deutschland zum Ausdruck brachte, erhalten die deutschen Gäste Einblick in die Wohnverhältnisse, Eßkultur, Familienstruktur und Traditionen der Usbeken.

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Die deutschen Schüler und einige Eltern, die z.T. schon zum zweiten Mal einen jungen Usbeken aufgenommen hatten, waren zur Seidenstraße aufgebrochen, interessiert daran, wie es sich wohl in der Familie ihrer Gäste leben würde und wie Samarkand und Buchara in Wirklichkeit aussehen,

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(Samarkand)                                                                         (Buchera)

aber auch etwas skeptisch diesem in 70 Jahren sowjetisch geprägten Land gegenüber.

Sie trafen auf ein Land im Umbruch: Die Anreise erfolgte im neuen Airbus und endete in einem Uralt-Bus. Das Land orientiert sich weg von Marx und Lenin und hin zu Timur Lenk, dem neuen Nationalhelden,

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weg vom Russischen zum Usbekischen, weg von der kyrillischen hin zur lateinischen Schrift und, wie D. Groß kommentiert, von der Versorgungs- zur Verantwortungs- und Risikogesellschaft.

Überall wurden wir Deutsche äußerst freundlich und großzügig aufgenommen.

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Hier lädt uns der stellv. Bürgermeister von Taschkent während einer Stadtrundfahrt zum Plov-Essen ein, anläßlich der Hochzeit seiner Tochter Nodira, die die Austauschgruppe des Jahres 1997 zusammengestellt hatte.

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Wir waren Attraktion für Freunde und Fernsehzuschauer. Das Echo auf die Sendungen über unseren Austausch in Bonn, die jeden Mittwoch nationenweit ausgestrahlt werden, ist enorm. Jede Sendung - und es sollen 20 werden - wird dreimal wiederholt - z. B. die über die Festlichkeiten anläßlich der 325 Jahr-Feier unserer Schule, die über das zentral-asiatische Seminar der Universität, die über die Austauschidee und -ausgestaltung und die über ein Nachkriegsfrauenschicksal  - und wir werden in der 4 Millionenstadt Taschkent für so wichtig befunden, daß unser Programm in den Nachrichten ausgiebig erläutert wird.

Wir wiederum sind beeindruckt von den schicken Studenten und Lehrern an der Uni,

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von der Herzlichkeit der Leute und sind überwältigt von ihrer Gastfreundschaft: Auf unserer insgesamt 17 stündigen Reise ins mittelalterliche Chiwa,

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natürlich im ehemals deutschen Reisebus,

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wird unsere 26 köpfige Gruppe in Karshi und Buchara jeweils von einer Familie beköstigt , z. T. im malerisch weinberankten Innenhof der usbekischen Atriumhäuser.

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Nachbarn und Freunde bringen uns in ihren Häusern unter, gelegentlich in ländlischer Idylle, wie auf einem Dorf außerhalb von Buchera.

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Dabei, aber vor allem in den Taschkenter Partnerfamilien, werden ständig Toasts ausgebracht, und es wird viel diskutiert, auf Englisch oder  Deutsch, aus dem Russischen übersetzt oder mit Händen und Füßen, und es wird unendlich viel gelacht. Die Usbeken sind stolz auf die Leistungen ihrer Vorfahren Avicenna, Al-Buchari und Al-Choresmi und auf ihre gut restaurierten Kulturdenkmäler.

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Aber wir drehen auch Wasserkräne zu und verweisen auf den Aral-See. Umweltschutz und Krankenversorgung werden auch an der Uni Themen; der islamische Einfluß wird eher verniedlicht, wenn man auch mit Andacht den Ausführungen von "heiligen" Männern lauscht.

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Überrascht waren wir im religiösen Heiligtum außerhalb Bucharas, als uns ein gut deutsch sprechender religiöser Führer erläuterte, daß Goethe sich kurz vor seinem Tode zum Islam bekannte, weil er als letztes Wort "Allah" schrieb.

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(Hier die Übersetzung eines Gedichtes aus dem West-östlichen Divan ins Arabische)

Als ich 1995 zum 1. Mal in Usbekistan war, schien mir Taschkent trist und farblos und verwahrlost. Das besserte sich von Jahr zur Jahr. Bei meinem 4. Besuch jetzt war ich erfreut über private ästhetische Ansätze, über Farbigkeit und individuelle architektonische Neu- und Umgestaltung, über ordentliche Parkanlagen

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und bunte Autos.

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Andererseits stimmt trübe, daß der  Besucher nicht einmal den O-Bus hinter dem Präsidenten-Auto, geschweige denn den Präsidentenwagen selbst fotografieren darf, ohne von der Polizei festgenommen zu werden, wobei vielleicht tröstet, daß der Polizist sofort sagt " Beckenbauer gut" und Dieter Bohlen und Lothar Matthäus mit erhobenem Daumen erwähnt oder daß ein freundlicher Sicherheitsbeauftragter des Präsidenten das Taxi des Fotographen bezahlt. Wahrhaftig eine Gesellschaft auf der Suche nach Orientierung.

© Text: Dagmar Hermann, 19.10.1998, Bilder: Heinrich A.Hermann

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