Gedanken über den Aufenthalt usbekischer Jugendlichen

im Rahmen des Austauschs

des Beethoven-Gymnasiums der Stadt Bonn

mit Universitäten in Taschkent

vom 17. - 31. 8. bzw. 1.9.1998

von Dr. Etya Li

A. Zusammensetzung der Gruppe

Die Gruppe besteht aus Studenten und Dozenten der Universität für Weltwirtschaft und Diplomatie und der Wirtschaftsuniversität, die beide in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, angesiedelt sind. Hinzu kommen eine Studentin aus Buchara sowie eine Journalistin und ein Kameramann des usbekischen Staatsfernsehen, die den Verlauf des Austausch dokumentieren und in einer Fernsehreihe über Deutschland, Ausstrahlungsbeginn der Tag der deutschen Einheit, ihren Mitbürgern nahebringen möchten.

B. Durchführung des Austausches

Der Austausch zwischen den Schülern des Beethoven-Gymnasiums mit den nahezu gleichaltrigen Studenten der usbekischen Universitäten geht weit über die traditionellen Formen des innereuropäischen Austausches hinaus. Die jungen Usbeken haben nicht nur die rein räumliche Entfernung von 7000 Kilometern zwischen Zentralasien und dem deutschsprachigen Raum zu überwinden, was durch die bestehende Direktflugverbindung der Uzbekistan Airlines und der Lufthansa zwischen Taschkent und Frankfurt noch das geringste Problem ist. Viel entscheidender sind die großen interkulturellen Unterschiede in Mentalität, Sitten und Gebräuchen und nicht zuletzt in den wirtschaftlichen Bedingungen, denen sie sich gegenübersehen.

Für die meisten Teilnehmer der Gruppe bedeutet dieser Besuch die erste Begegnung mit der deutschen und der gesamteuropäischen Kultur. So hatten sie im Rahmen des Besuchsprogramms Gelegenheit durch Besuche in Brüssel, Leuven, Maastricht und Aachen persönlich zu erfahren, was der bisher abstrakte Begriff EU im Leben der Westeuropäer bedeutet und was in der Praxis gemeint ist, wenn sie in ihrem Pass lesen können, dass sie ein Visum für die Schengen-Staaten besitzen.. Sie reagierten auf diese Eindrücke je nach Temperament mit Erschütterung, Faszination und Begeisterung.

Im Mittelpunkt ihres Interesses stand das Kennenlernen der deutschen Wohnkultur und die Beobachtung des deutschen Familienlebens. Unverhohlenes Interesse der jungen Usbeken an den Famliengeschichten ihrer Gastgeber traf auf das große Interesse ihrer Gastfamilien gegenüber ihren Gästen, deren Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft als unerwartet und angenehm empfunden wurde. Dadurch gelang es, die in Usbekistan allenthalben verbreiteten Klischeevorstellungen über Deutsche zu überwinden. Kontakte konnten schnell hergestellt werden und lange Gespräche wurden geführt, bei denen man sich gegenseitig bereicherte. Damit näherte man sich dem Hauptziel, das über den Rahmen des Austausches hinweg reicht, die Entwicklung von langfristigen Freundschaften und Familienfreundschaften.

Im Beethoven-Gymnasium selbst gab es Gelegenheit, durch Hospitation im Unterricht und durch Kontakte mit Schülern das deutsche Schulsystem in der Praxis kennenzulernen, zu dem nicht nur Lernen sondern angesichts der 325-Jahr Feier der Schule auch Pflege der Tradition und kreatives und selbständiges Handeln außerhalb des eigentlichen Unterrichtsbetriebs gehört.

Neben der Schule gab das von Frau Hermann organisierte Besuchsprogramm Gelegenheit, die Vielfalt des Lebens in der Region Bonn zu erfahren. Zu nennen wäre da die Universität Bonn, wo die jungen Usbeken die Möglichkeit hatten, ins Labor zu gehen und dort die der Forschung zu Verfügung stehende High Tech zu bewundern. Im zentralasiatischen Seminar erfuhren sie durch Herrn Prof. Weyer und Frau Dr. Sakirowa Interessantes über die Ursprünge ihrer Sprache.

Im Kuhne-Werk erlaubte der Inhaber des Werkes (übrigens ein Ehemaliger des BG. D.H.), ihnen Einblick in die Produktion, wobei sie den Produktionsweg vom Roheisenstück bis zur modernsten Anlage verfolgen konnten. Mit besonderen Interesse vernahmen sie, dass Herr Kuhne in seiner Jugend auf manches verzichten mußte und dass Sparsamkeit, Arbeitsamkeit und Fleiß Voraussetzungen sind für eine erfolgreiche Laufbahn auch als Unternehmer..  

Die GMD in St. Augustin, vorgestellt vom Leiter des Projekts 'GMD-IBE, Innovationsberatung und Entwicklung,  Herrn Dr. Tost,  stellte  sich als fortschrittliche Entwicklungs- und Ausbildungsstätte dar.

Den politischen Institutionen ihres Gastlandes begegneten die jungen Leute bei Besuchen des Kanzler-Amtes und des Deutschen Bundestages, während bei einem Empfang bei der Hanns-Seidel-Stiftung Möglichkeiten des politischen Engagements in Deutschland ausgiebig diskutiert wurden, gefolgt von Informationen in der Ausbildungsstätte des Auswärtigen Amtes über Ausbildung und Laufbahnmöglichkeiten im deutschen diplomatischen Dienst.

C. Ergebnisse des Austausches

Die Teilnehmer erleben den Austausch mit vielfältigen Gefühlen: da wechseln gehobene Stimmung mit Feierlichkeit und Bewunderung, das Programm wird aber auch als viel zu stressig empfunden, denn das Gesehene muß in irgendeiner Form "verdaut" werden. Die Teilnehmer zeigen dennoch Entschlossenheit, damit auch ihr Land von diesem Besuch profitert.

Als sehr wichtig empfinde ich besonders den Aspekt der multikulturellen Kommunikation:

die Freude an neuer Bekanntschaft, an der Eröffnung und Erkenntnis der neuen Welt, auch der Sprachwelt,
das Erstaunen, Deutsch außerhalb des Klassenraumes sprechen zu können,
Anregungen, die in den Willen münden, Deutsch lernen zu wollen,
Fingerspitzengefühl in einer fremden Umwelt zu entwickeln,
Vergleiche zu machen und bewußt und unbewußt das Optimale und Geeigneteste in seinem Lande umzusetzen versuchen,
im Hinblick auf die Zukunft deutlich zu sehen, wie es in der Heimat aussehen soll.

Hinzu kommen persönliche Aspekte:

Anpassungsfähigkeit zu entwickeln,
sich zu bemühen kleine Missverständnisse aufgrund des Unwissens der deutschen Lebensweise durch einen Scherz oder feines Tadeln zu überwinden,
und in der Gruppe sich als gute Freunde zu bewähren.

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